Global Sleep oder die Kunst des öffentlichen Schlafes

Sich schlafend zu zeigen heißt sich angreifbar und verletzbar zu machen. Der Schlaf ist etwas Privates und vielleicht gehört er zu den privatesten Momenten, die wir haben. In keinem anderen Zustand kehren wir uns so von außen ab, wenden uns nach innen und geben die Kontrolle ganz in die Hände unseres vegetativen Nervensystems. Wir verlassen uns darauf, dass wir weiter atmen, unser Herz weiter schlägt und wir dann irgendwann wieder unversehrt erwachen. Und wir hoffen, dass uns in dieser verletzbaren Phase nichts Böses zustößt. Daher ziehen wir uns zum Schlafen an Orte der Geborgenheit zurück, an nichtöffentliche, sichere Orte. Vereinzelt kommt es jedoch vor, dass Schlafende ihr geschütztes Nest verlassen und den öffentlichen Raum (bevorzugt Dachgiebel etc.) erkunden. Dies nennt man dann Schlafwandeln. Doch Schlafwandelnde wissen nicht was sie tun, sie wähnen sich in Sicherheit, während sie sich den größten Gefahren im öffentlichen Raum ausliefern.

Julia Neuenhausen hingegen weiß genau was sie tut, wenn sie in ihren Bildern unterschiedliche Orte des öffentlichen Raumes neu belegt, sprichwörtlich mit sich selbst, als global wandelnde Schläferin.

Die Serie ist in einem Zeitraum von mehreren Jahren in Europa und Asien entstanden und zeigt uns immer wieder die gleiche Frau, dahingestreckt am Boden, auf Stufen, Tischen, Wegen und Passagen. Die Orte sind meist nicht einladend, zum Teil kalt, verlassen und unwirtlich, oft auch unwirklich. Es sind reale wie irreale Konstruktionen einer urbanisierten Außenwelt, aus denen sich das Leben vorübergehend entzogen hat.

Darin wirkt das Bild der Schlafenden zunächst ausgeliefert und mutet manchmal an wie die Strandung eines Leibes in Folge extremer Erschöpfung. Zugleich ist es jedoch ein Schritt des Vertrauens in die Umgebung, ein Zeichen globaler Geborgenheit bei gleichzeitiger Infragestellung dieser. Denn zu den offensichtlich europäischen Schauplätzen gesellen sich Orte Südost-Asiens, und mit ihnen andere Schläfer, von denen wir nicht wissen ob sie ebenfalls Gast oder gar Gastgeber sind. Der Ort scheint jedoch eher ihnen zu gehören, denn ihr öffentlicher Schlaf ist mit dem Stadtbild verbrüdert. Die Schläferin, die nun ihren Platz auch in dieser Welt erobert hat, erscheint als Eindringling, die jedoch friedlich geduldet wird.

Bei diesen Interventionen im öffentlichen Raum handelt es sich selbst jedoch weniger um eine Eroberung, als vielmehr um ein Geschenk oder Angebot an den Ort. Es entstehen Bilder, die von einer Innen- und Außenwelt erzählen und den Übergang beider Welten fließend machen. Das Ablegen im öffentlichen Raum gleicht einer Verinnerlichung, bei der sich die Innenwelt nach außen zu stülpen scheint und der Abfolge einer nächtlichen Schlafdramaturgie entspricht: Einer aufgewühlten Einschlafphase, in der sich Bäume wie Denkblasen über dem Körper erheben, folgt das traumartige Bild der Schläferin, die sich selbst in eine Modellstadt schmiegt. Der Tiefschlaf im Zentrum der Serie umhüllt die Schläferin wie das Auge des Sturms mit Leere und Stille. Das letzte Bild ist dann ein Bild des Erwachens, in der sich der Ort erstmals belebt und die Schläferin dann selbst zum ruhigen Zentrum des Sturmes wird.

In einer Welt ultimativer Mobilisierung stellt der Schlaf einen Gegenpol dar.

Die Belegung der Orte nimmt ihnen ihre Flüchtigkeit und lässt sie zum Bild erstarren.

Während sich die Schlafende dem Ort anvertraut, scheint dieser sie im Gegenzug zu erobern. Sein Bild wird zu ihrem Traumbild, gleich einem inneren Tausch: Das Angebot der Rückgabe eines vergessenen Gutes in einer von Aktivität besessenen Wachgesellschaft.

Bjørn Melhus


Aneignung des Ortes durch Schlaf

Berlin in den frühen 90ern war eine Stadt, die täglich ihre Form veränderte.

Die Häuser wurden in Plastikplanen eingepackt, in Hunderten von Baustellen wurden ganze Bezirke bis auf ihre Grundmauern ausgehoben. In abgesteckten Claims buddelte man nach Rottem einer besseren Struktur entgegen. Gas, Wasser, Glasfaser–, Elektrokabel und Telefonleitungen mussten insbesondere in den Ostteilen der Stadt erneuert werden. Streckenweise wurde verstaubte Nachkriegsatmosphäre in mittelalterliche Stadtäcker verwandelt. An diesen morbiden Bühnen einer absurden Theateraufführung vorbei fuhr ich täglich zum Atelier. Ich wurde zum Dauerkomparsen, der von einem Set zum nächsten die Gesamtaufführung bereiste.

Erfüllt von diesen Bildern änderte sich meine Innen– und Aussenwahrnehmung. Wohnen in permanenter, über Jahre anhaltender Erneuerung ist nicht nur inspirierend, sonder mitunter auch sehr ermüdend ! In meinen Gedanken begann ich mit dem Stadtraum zu spielen, ihn mir anzueignen, das ewige Durcheinander zu einem mir freundlich gesinnten Territorium zu erklären.

Es entstanden Fotos von mir, wie ich in Erdaushüben schlummerte oder mich an grosse Strassenbaumaschinen kuschelte.

Der Boden wurde durch meinen liegenden Körper markiert und damit unbestritten zu meinem Territorium für die Weile des Schlafes…

Von da an konnte ich die Stadt, ihre Möblierung, die Nischen und Ecken als eine Möglichkeit meines schläferigen privaten Rückzuges erkennen. Ich hatte mir eine selektive Wahrnehmung zugelegt, die darauf ausgerichtet war, im Gewühle der jeweiligen Orte den optimalen Platz der Ruhe zu entdecken. Die manische Rekonstruktion und Renovierung der Berliner Stadtlandschaft löste diesen psychogeographischen Prozess aus, den ich seither untersuche.

Das performative Erforschen der Gleichzeitigkeit verschiedener Realitäten und Zustände wurde Gegenstand der Serie “stillsleeping”.

Julia Neuenhausen 2006

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